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Interview 30. November 2007
Das Gespräch führte Christof G. Pelz, Kommunikationsdesigner und Art Director, mit dem Autor im Anschluss an eine Lesung des FZA Verlages in Wien zum Erscheinen der Anthologie Reisenotizen, die auch einen Beitrag von Klaus Ebner enthält.
Pelz:
Als wir das letzte Mal vor zwei Wochen zusammensaßen, erzählten Sie mir von Ihren Prosatexten. Heute sprechen wir über Essays, von denen einer in der Anthologie Reisenotizen enthalten ist.
Ebner:
Über Barcelona und den barcelonischen Kulturraum.
Pelz:
Essays zählen ja nicht gerade zu den großen Rennern, wenn man einen Buchhändler fragt. Was bewegt Sie dazu, Essays zu schreiben?
Ebner:
Ich glaube, Essays sind eine wunderbare Gelegenheit, nicht nur Gedanken in Worte zu fassen, sondern auch, sich gewissen Themen zu stellen, ohne dazu eine Geschichte erfinden zu müssen.
Pelz:
Ist es ein Nachteil, eine Geschichte zu einem Thema zu erfinden?
Ebner:
Nein, natürlich nicht. Aber es ist doch so, dass es im Rahmen einer Erzählung oder eines Romans sehr schwer ist, deutliche Aussagen als Autor zu treffen oder zu einer bestimmten Frage Stellung zu nehmen. In fiktionalen Texten lässt sich die Meinung des Autors aus der eines Protagonisten doch kaum herauslösen. Da mischt sich beides. Ob jetzt der Protagonist spricht oder der Autor, das ist nicht klar, und in vielen Fällen soll es auch nicht klar werden.
Pelz:
Sie meinen, weil sich jemand angegriffen fühlen könnte.
Ebner:
Ja. So etwas kann sogar rechtliche Konsequenzen haben. Ein fiktionaler Text soll das bleiben, was er ist: Fiktion. Hingegen bietet ein Essay die Möglichkeit, erstens seine Meinung als Autor offen und klar zu vertreten und zweitens in sehr direkter Weise zu bestimmten Themen Stellung zu nehmen. Und das kann sogar unterhaltend sein, wie man an dieser Anthologie sieht.
Pelz:
Die heute vorgestellte Anthologie vereinigt Reise-Essays. Sie haben ebenfalls aus einem Reise-Essay gelesen, aber nicht aus dem über Barcelona.
Ebner:
Das ist richtig. Der Text, aus dem ich gelesen habe, stammt aus einem neuen Manuskript. Das ist ein Essay über Andorra.
Pelz:
Und dieser Essay hat den Umfang eines ganzen Buches?
Ebner:
Ja. Ich habe das erste Kapitel von insgesamt achtzehn gelesen. Dieser Essay, der noch nicht ganz fertig ist, entstand anlässlich einer Reise nach Andorra, die ich mit Unterstützung eines Reisestipendiums für Literatur des Bundes machen konnte.
Pelz:
Das heißt, Sie fuhren einfach nach Andorra, um diesen Essay zu schreiben ...
Ebner:
Die Reise war sehr wichtig, um Daten zu sammeln und vor allem das Land, das ich zum letzten Mal vor zwanzig Jahren besucht habe, aus einer heutigen Sicht zu beurteilen.
Pelz:
Wie kommt man ausgerechnet auf Andorra?
Ebner:
Das ist fast schon eine lange Geschichte. Die Idee dazu stammt eigentlich von Karl-Markus Gauß. Ich hatte einen kurzen Reise-Essay geschrieben und als so genannten Kulturbrief in der Zeitschrift Literatur und Kritik veröffentlicht. Karl-Markus Gauß fragte mich dann, ob ich nicht Lust hätte, so etwas in Buchform zu machen. Dazu fehlte mir natürlich einiges an Material, weil ich Andorra wie gesagt vor zwanzig Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Und als mir dann das Reisestipendium vom Ministerium bewilligt wurde, war klar, dass ich dieses Buch tatsächlich schreiben würde. Zusätzlich kam mir natürlich zugute, dass ich Katalanisch spreche und dadurch einen relativ uneingeschränkten Zugang zur andorranischen Kultur habe im Vergleich zu jemandem, der die Landessprache nicht versteht.
Pelz:
Haben Sie dann in Andorra nur Daten gesammelt oder bereits am Buch geschrieben?
Ebner:
Beides. Auf der einen Seite versuchte ich, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen, sprach mit Autoren, Buchhändlern und anderen Leuten, kaufte eine Menge Literatur und holte einiges an Wissen nach. Auf der anderen Seite begann ich sofort zu schreiben. Die Grundstruktur des Buches bestand schon, bevor ich abflog, auch wenn sich daran noch einiges geändert hat. Zum Teil war es fast wie das Schreiben eines Tagebuches. Am Abend im Pensionszimmer, aber auch beim Mittagessen im Kaufhausrestaurant oder ganz einfach auf der Straße.
Pelz:
Auf der Straße? Wo konnten Sie auf der Straße schreiben?
Ebner:
Wo immer ich Platz fand. Das heißt: auf einer Parkbank, auf Plätzen, vor der Universität, in einem Café im Freien. Das Faszinierende ist, dass es dadurch zu interessanten Begegnungen kam und ich noch viel mehr erfahren habe als geplant war. Wenn man sich auf eine Bank oder an den Straßenrand setzt, das Notebook hervorzieht und eine Weile tippt, sprechen einen die Leute von selbst an. Man kommt ins Gespräch, erfährt, wer sie sind, und sie erzählen einem gleichzeitig eine Menge über ihr Land.
Pelz:
Das sind vor allem junge Leute, nehme ich an.
Ebner:
Die einen ansprechen? Das würde ich gar nicht sagen. Es geht quer durch alle Altersschichten. Auf dem Platz vor der Universität in Sant Julià lernte ich einen Pensionisten kennen, der in jungen Jahren in Deutschland gearbeitet hat und deutsche Literatur mag. Nach einer Weile erzählt er mir, dass er eben erst die Erinnerungen von Stefan Zweig gelesen hatte.
Pelz:
Also ein unerwarteter Österreich-Liebhaber.
Ebner:
Das kann man so sehen, ja. Ein pensionierter Andorraner mitten in Andorra, der plötzlich Deutsch spricht und österreichische Literatur kennt. Ich fand diese Begegnung so ungewöhnlich, dass ich sie in mein Buch aufgenommen habe.
Pelz:
Wann erscheint das Buch?
Ebner:
Ich hoffe, nächstes Jahr. Vermutlich werde ich das Manuskript im Jänner fertig haben, und in der Zwischenzeit bin ich intensiv auf Verlagssuche.
Pelz:
Vielen Dank für das Gespräch.

